Tradition & Transformation: Was das Jagdhaus Wiese über die Zukunft des Sauerlands erzählt
Die Initiative HomebaseSauerland beschäftigt sich mit der Frage, wie sich der ländliche Raum wirtschaftlich und gesellschaftlich zukunftsfähig aufstellen kann. Dabei steht häufig die produzierende Industrie im Fokus. Deutlich seltener wird der Tourismus als strategischer Faktor betrachtet – obwohl er im Sauerland eine zentrale Rolle für Wertschöpfung, Lebensqualität und Standortattraktivität spielt.
Vor diesem Hintergrund haben wir mit Stefan Wiese-Gerlach, Geschäftsführer des Jagdhaus Wiese in Schmallenberg-Jagdhaus, gesprochen. Ziel war es, am Beispiel eines traditionsreichen Familienunternehmens zu verstehen, wie Transformation im Alltag tatsächlich funktioniert – und welche strukturellen Herausforderungen und Chancen sich daraus für die Region ergeben.
Das Jagdhaus Wiese ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel. Kaum ein Ort im Sauerland bringt das Spannungsfeld aus Klischee und Realität so auf den Punkt. Die Auffahrt von Fleckenberg nach Jagdhaus führt sprichwörtlich „hinter den Wald“ – kurvenreich, abgelegen, fernab jeder urbanen Logik. Genau das Bild, das viele mit dem Sauerland verbinden: Provinz, Rückzug, Abgeschiedenheit. Und doch entsteht genau hier, auf rund 650 Höhenmetern mit weitem Blick über das Rothaargebirge, eine besondere Anziehungskraft. Ein Ort, der für viele Gäste – und zunehmend auch für Sauerländer im Exil – genau das bietet, was in urbanen Räumen fehlt: Ruhe, Verlässlichkeit und eine Form von Qualität, die nicht laut sein muss, um zu überzeugen.
Die zentrale Frage dieses Gesprächs lautet daher: Was macht solche Orte erfolgreich – und was lässt sich daraus für die Zukunft des Sauerlands insgesamt lernen?
Tourismus: Der unterschätzte Wirtschaftsfaktor
Tourismus wird im Sauerland häufig unterschätzt. „Dabei ist der Tourismus aus meiner Sicht ein Schlüsselfaktor“, sagt Stefan Wiese-Gerlach – und beschreibt damit eine Realität, die oft zu wenig Beachtung findet.
Seine Wirkung in der Region reicht weit über einzelne Betriebe hinaus. Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk und Dienstleistungen profitieren direkt von der Nachfrage der Gäste. Gleichzeitig trägt der Tourismus maßgeblich zur Lebensqualität vor Ort bei – durch Infrastruktur, Freizeitangebote und lebendige Ortskerne.
Diese Wechselwirkungen machen deutlich: Wirtschaftliche Stärke im ländlichen Raum entsteht nicht isoliert. Sie ist das Ergebnis eines funktionierenden Zusammenspiels verschiedener Branchen. Fällt ein Teil dieses Systems weg, geraten auch die anderen unter Druck.
Ein Ort, der das Sauerland erklärt
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum ein Ort wie das Jagdhaus Wiese mehr ist als nur ein Hotel. Es ist ein Verdichtungspunkt genau dieser Zusammenhänge:
Die Lage auf rund 650 Höhenmetern, die Weite des Rothaargebirges, die spürbare Distanz zur Hektik urbaner Räume – all das zahlt auf genau das ein, was viele Menschen suchen, ohne es im Alltag benennen zu können. Die vermeintliche „Provinz“ wird hier zur Qualität.
Dass gerade dieser Ort eine so starke Anziehungskraft entfaltet, ist kein Zufall. Er trifft einen Nerv. Für Gäste aus Köln, Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet ebenso wie für Sauerländer, die inzwischen in Großstädten leben und hier ein Stück Vertrautheit wiederfinden.
Tradition heißt Weiterentwicklung
Das Jagdhaus Wiese ist ein Familienunternehmen in fünfter Generation. Doch Tradition wird hier nicht als Verpflichtung zur Bewahrung verstanden, sondern als Auftrag zur Weiterentwicklung.
„Tradition heißt nicht unbedingt nur bewahren, sondern eher, dass man eine Grundidee weiterentwickelt“, sagt Wiese-Gerlach. Diese Grundidee – ein Ort für Ruhe, Erholung und Qualität – bleibt bestehen. Aber alles andere ist veränderbar.
Gerade darin liegt die Herausforderung. Viele Gäste verbinden Tradition mit Beständigkeit und Verlässlichkeit – einige reagieren daher zunächst skeptisch auf Veränderungen. Vertraute Räume, bekannte Gemütlichkeit und eingeprägte Routinen sind Teil des eigenen Urlaubsverständnisses. Das entscheidet, ob Veränderung als Verbesserung oder auch potenzieller Verlust wahrgenommen wird. Doch Stillstand ist keine Option. „Die Herausforderung ist immer, dass man Tradition nicht verwechselt mit: Man darf nichts verändern“, so Wiese-Gerlach weiter.
Was das konkret bedeutet, zeigt der Blick auf die Entwicklung des Hauses in den vergangenen Jahren. Die Zimmer wurden schrittweise modernisiert, öffentliche Bereiche wie das Parkrestaurant, die Jagdstube sowie der Rezeptionsbereich neugestaltet und das Haus insgesamt stärker zur Natur geöffnet – etwa durch größere Fensterflächen und Terrassen. Gleichzeitig haben sich auch die Erwartungen der Gäste verändert. Erholung wird heute stärker ganzheitlich gedacht, mit einem klaren Fokus auf Natur, Ruhe und Rückzug.
Ein sichtbares Beispiel dafür ist der neu angelegte Natur-Schwimmteich im Außenbereich. Ein Angebot, das heute selbstverständlich wirkt, vor 20 Jahren jedoch kaum Teil eines klassischen Hotelkonzepts im Sauerland gewesen wäre. Es steht exemplarisch für die Anpassungsfähigkeit des Hauses – und für den Wandel in Klima und Nachfrage.
Transformation wird damit zur Voraussetzung für den Erhalt von Tradition – nicht zu ihrem Gegenpol.
Warum Qualität auch im ländlichen Raum funktioniert
Ein verbreitetes Narrativ ist, dass Spitzenqualität vor allem in Metropolen entsteht. Das Sauerland zeigt, dass das nicht stimmt.
Mehrere Häuser im gehobenen Segment haben sich in der Kooperation „Die Sterne im Sauerland“ zusammengeschlossen. Ursprünglich aus Marketinggründen entstanden, hat sich schnell gezeigt, dass die eigentlichen Themen andere sind: Fachkräfte, Ausbildung, Qualität und Interessenvertretung.
Diese Zusammenarbeit schafft eine kritische Masse, die die Region insgesamt stärkt. Gleichzeitig profitieren die Betriebe voneinander – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Nähe.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Gäste suchen nicht nur Qualität im engeren Sinne, sondern auch Authentizität. „Auch der Gast aus dem Fünf-Sterne-Hotel möchte nicht nur in seiner Fünf-Sterne-Welt leben“, beschreibt Wiese-Gerlach, „er sucht auch andere hochwertige Angebote im Umkreis und authentische, regionale Erfahrungen in Gastronomie und Einzelhandel“. Das Zusammenspiel der verschiedenen Angebote wird damit zum entscheidenden Faktor für die Attraktivität der (Urlaubs-)Region Sauerland.
Auch Natur und Wald verändern sich stetig
Veränderung zeigt sich nicht nur in Strategien, sondern im Alltag. Klimatische Entwicklungen und Naturereignisse in unserer Region hatten und haben direkte Auswirkungen auf das Verhalten der Gäste.
„Früher fragten die Gäste immer nach einem sonnigen Weg. Heute fragen sie nach einem schattigen Weg“, sagt Wiese-Gerlach. Ein scheinbar beiläufiger Satz, der zeigt, wie sich Erwartungen verschieben.
Auch größere Veränderungen – etwa durch den Borkenkäfer – werden nicht nur als Problem gesehen. Vielmehr geht es darum, neue Gegebenheiten anzunehmen und daraus neue Perspektiven zu entwickeln.
Fachkräftemangel: Vom Problem zur Strukturfrage
Der vielleicht größte Engpass liegt im Personal. Im Sauerland ist der Fachkräftemangel strukturell – nicht konjunkturell. Bei nahezu Vollbeschäftigung ist der lokale Arbeitsmarkt faktisch leergefegt.
Die Reaktion darauf zeigt, wie stark sich unternehmerisches Handeln verändert hat. Statt isoliert zu agieren, haben sich mehrere Hotelbetriebe in der Kooperation „Die Sterne im Sauerland“ zusammengeschlossen und das Thema gemeinsam angegangen.
Ein zentraler Baustein ist die Nachwuchsarbeit. Durch Schulkooperationen, Berufsmessen und gezielte Ansprache wird das Berufsbild aktiv neu positioniert. Der Effekt: Mehr junge Menschen interessieren sich überhaupt für eine Ausbildung im Tourismus.
Darüber hinaus wurde die Rekrutierung internationalisiert – mit einem klaren Konzept. Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit Auszubildenden aus Indonesien. Diese erfolgt nicht durch einzelne Häuser isoliert, sondern koordiniert innerhalb der Kooperation. Gemeinsam werden Partner vor Ort ausgewählt, Auswahlprozesse organisiert und Strukturen aufgebaut.
Der entscheidende Unterschied liegt im Ansatz: Es geht nicht darum, einzelne Fachkräfte zu gewinnen, sondern stabile Communities aufzubauen. Indem mehrere Häuser parallel auf denselben Herkunftsraum setzen, entsteht in der Region eine Gruppe von Auszubildenden, die sich untereinander vernetzen, unterstützen und gemeinsam integrieren können. Das reduziert soziale Isolation und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Menschen langfristig bleiben.
Viele dieser Auszubildenden bringen eine hohe Dienstleistungsorientierung und Lernbereitschaft mit – zentrale Eigenschaften für die Branche. Gleichzeitig suchen sie häufig gezielt eine langfristige Perspektive in Deutschland und sind bereit, sich im Sauerland ein Leben aufzubauen.
Doch der Erfolg dieses Modells hängt an klaren Voraussetzungen. „Man muss den Mitarbeitenden das ganze Programm bieten: Wohnraum, Mobilität“, sagt Wiese-Gerlach. Gerade im ländlichen Raum sind das keine Zusatzleistungen, sondern Grundbedingungen. Die Betriebe müssen Wohnraum schaffen oder organisieren, Mobilität ermöglichen und Integration aktiv begleiten.
Ergänzt wird dieser Ansatz durch den Einsatz von Mitarbeitenden aus Osteuropa, insbesondere in unterstützenden Bereichen wie Housekeeping und Küche. Auch hier zeigt sich: Es geht nicht um kurzfristige Lösungen, sondern um nachhaltige Strukturen.
Der entscheidende Befund: Fachkräftemangel ist kein isoliertes Problem einzelner Unternehmen. Er ist Ausdruck struktureller Defizite im Standort – und kann nur entsprechend ganzheitlich adressiert werden.
Was das Sauerland jetzt braucht
Aus unternehmerischer Perspektive sind die Handlungsfelder klar:
Ein zentrales Thema ist die Mobilität. Wer neue Zielgruppen erreichen will, muss auch ohne eigenes Auto in die Region gelangen können. Aktuelle Lösungen sind oft zu kompliziert und wenig attraktiv. Flexible, bedarfsgesteuerte Modelle könnten hier ein entscheidender Hebel sein. Hier kann ein Blick in die Großstädte inspirieren, wo etwa App-basierte Mobilitätskonzepte sehr gut funktionieren und eventuell auf die Bedürfnisse im ländlichen Raum adaptiert werden können.
Ein zweites großes Thema ist der Wohnraum. Gerade für Mitarbeitende wird es zunehmend schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Ohne entsprechende Angebote lassen sich Fachkräfte nicht langfristig binden.
Hinzu kommen regulatorische Hürden, die sinnvolle Entwicklungen ausbremsen. Oft scheitern praktikable Lösungen an mangelnder Flexibilität in Planung und Genehmigung.
Parallel dazu steht auch die Attraktivität der Region auch insgesamt unter Druck. Gastronomie, Einzelhandel und kleinteilige Angebote kämpfen mit wirtschaftlichen Herausforderungen und Nachfolgeproblemen – obwohl sie zentral für das Erlebnis vor Ort sind. Das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure und Angebote muss gesichert werden.
Die eigentliche Chance: Familien und Rückkehrer
Trotz aller Herausforderungen bleibt ein klarer Befund: Das Sauerland hat gute Voraussetzungen für die Zukunft. Die Region bietet Lebensqualität, funktionierende Grundstrukturen und Nähe zu großen Ballungsräumen. Mit zunehmender Flexibilisierung von Arbeit entstehen neue Chancen, diese Vorteile stärker zu nutzen.
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, junge Familien und Rückkehrer langfristig für die Region zu gewinnen. „Wenn es uns gelingt, dass junge Familien sich wieder mehr hier ansiedeln, dann haben wir es geschafft“, sagt Wiese-Gerlach. Denn daran hängt letztlich die Zukunft vieler Betriebe und der Region insgesamt.
Fazit: Was daraus folgt - und was dasfür HomebaseSauerland bedeutet
Das Gespräch zeigt klar, wo die zentralen Hebel liegen: Mobilität, Wohnraum, Fachkräfte und funktionierende lokale Strukturen. Diese Themen sind eng miteinander verknüpft und entscheiden gemeinsam über die Zukunftsfähigkeit des Sauerlands.
Für die Politik bedeutet das, stärker auf flexible, praxisnahe Lösungen zu setzen und regionale Handlungsspielräume zu erweitern. Für Unternehmen wird Kooperation zunehmend zum Erfolgsfaktor – wie das Beispiel der „Sterne“ zeigt.
Für HomebaseSauerland bestätigt sich damit der eigene Ansatz. Zukunft im ländlichen Raum entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch vernetzte Initiativen, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und infrastrukturelle Themen zusammen denken. Ferner ist die Kommunalpolitik gefragt, wirksame politische Konzepte zum Umgang mit den benannten Herausforderungen vorzulegen und gute Rahmenbedingungen für das lösungsorientierte Handeln der Akteure zu schaffen.
Das Jagdhaus Wiese ist kein Einzelfall – sondern ein Beispiel. Eines, das zeigt, wie sich Tradition weiterentwickeln lässt. Und warum genau darin die eigentliche Chance für das Sauerland liegt.
Fotonachweis: Jagdhaus Wiese / Stefan Wiese-Gerlach, Katia Herrlitz und Tochter Nora